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Mühlengeschichte der Oberen Mühle
| 200 Jahre 1796-1996 | Mühlstein
auf Reisen | Mühlenrechnung 2001
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Die
Mühlengeschichte der Oberen Starkenburger Mühle
- Bericht von Bernd Blumenthal -
Die Mühlen des vorderen Hunsrücks ähneln
so gar nicht den stattlichen Gebäuden , an die man spontan denkt,
wenn man den Begriff Mühle hört. Sie sind nicht so imposant
wie die gewaltigen Windmühlen, die man aus Holland oder Norddeutschland
kennt und drücken nicht die gediegene Idylle der Mühlengebäude
aus, die sich in aus dem 19. Jahrhundert stammenden, romantischen Illustrationen
zu Grimms Märchen findet. Sie sind kleine, unscheinbare Zweckbauten,
die abseits der Straßen liegen und leicht Gefahr laufen, übersehen
zu werden.
Wegen ihrer geringen Abmessungen sind sie kaum heutigen Bedürfnissen
angepasst, und so sind sie meist verfallen oder ganz verschwunden, wenn
sie keine Verwendung als Ferienhäuschen finden konnten.
Dabei handelt es sich bei diesen Mühlen um die baulichen Überreste
eines kulturellen Phänomens, das in Deutschland ziemlich einzigartig
sein dürfte.
Im gesamten Reichsgebiet sicherten sich die Territorialherren wie z.B.
die Trierer Erzbischöfe im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts die
ursprünglich dem König zustehenden Regalien, also die Hoheitsrechte
auf Nutzung z.B. von Berg, Wasser und Jagd. Hierzu gehört auch das
Mühlenregal, also das Recht der Landesherren , als einzige auf ihrem
Gebiet Mühlen zu bauen und zu betreiben. Eng verbunden mit dem Mühlenregal
war der Mühlenbann, der die Einwohner eines bestimmten Bezirks verpflichtete,
ihr Getreide ausschließlich in der entsprechenden Bannmühle
mahlen zu lassen, auch wenn z.B. eine andere Mühle verkehrsmäßig
günstiger lag.
Im Gegensatz hierzu handelt es sich bei den für bestimmte Gebiete
des Hunsrücks typischen Mühlen um Genossenschaftsmühlen,
die von einer bestimmten Anzahl von Bauern in eigener Regie betrieben
wurde. Nicht ein vom Landesherrn eingesetzter und hierdurch mit einer
gewissen Macht ausgestatteter Bannmüller mahlte das Getreide der
ländlichen Bevölkerung, sondern die Bauern hatten diese wichtige
Arbeit in eigener Hand.
Die Genossenschaftsmühlen verdanken ihr Entstehen einer besonderen
historischen Entwicklung. Nachdem die Hintere Grafschaft Sponheim 1444
an Pfalz-Zweibrücken fiel, hatten die Hunsrückergebiete wegen
ihrer Entfernung von der Residenzstadt ein relativ großes Eigenleben.
Die Landesherrschaft zeigte offensichtlich wenig Interesse an der Durchsetzung
des Mühlenregals. So kommt es, dass im 16. Jahrhundert - also zu
Zeiten, in denen der Mühlenbann in den benachbarten kurtrierischen
Gebieten streng überwacht wurde - in einigen Gebieten des zweibrückisch-sponheimischen
Hunsrücks zahlreiche Bauernmühlen entstanden.
Ein
zweiter Faktor war ausschlaggebend für diese Entwicklung. Nur mit
besonders effektiven Mühlrädern konnte die Wasserkraft der kleinen
Hunsrückbäche ausgenutzt werden. Diese entstanden erst seit
der Mitte des 16. Jahrhunderts in Form des oberschlächtigen Zellenwasserrades
zur Verfügung.
Hierbei wir das Wasser von oben auf das Rad geführt, dessen Schaufeln
als Zellen ausgebildet sind, um so die Wasserkraft besser ausnutzen zu
können.
Die ältere Technik des unterschlächtigen Rades, bei der das
fließende Wasser die hierin eingetauchten Schaufeln vorwärtsbewegt,
war für die relativ wasserarmen Bäche des mittleren Hunsrücks
nicht geeignet. 
Somit kann man davon ausgehen, dass die Bauernmühlen
des Oberamtes Trarbach um 1550 herum an den Oberläufen der Bäche
in der Gegend um Kleinich, Hochscheid und Irmenach entstanden sind, an
denen es vor dieser Zeit keine Wassermühlen gab.
An den Unterläufen dieser Bäche in Moselnähe sind auch
um diese Zeit keine Bauernmühlen bekannt. Hier befanden sich noch
aus dem Mittelalter stammende Bannmühlen, die jedoch mit Zeit ihre
Banngewalt verloren hatten. Im Oberamt Trarbach waren sie durch das Landesherrliche
Desinteresse erblich geworden, und die Müller betrieben sie noch
bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als Kundenmühlen weiter.
Erst kurz vor 1800 bildeten sich auch hier zunehmend Bauernmühlen.
Zwei typische Vertreter dieser "zweiten Gründungsphase"
von Mühlengenossenschaften sind die Obere und die Untere Mühle
im Ahringsbachtal bei Starkenburg.
Während letztere in den vergangenen Jahren wie viele andere auch
zum Wochenendhaus umgebaut wurde, ist die Obere Mühle im Ahringsbachtal
voll funktionsfähig und wird weiterhin von einer Mühlengenossenschaft
von 19 Genossen betrieben.
Das Mühlenbuch, das vom jährlich neu zu wählenden Mühlenmeister
geführt wird, stammt noch aus der Erbauungszeit und gibt manchen
Aufschluss über das Schicksal der Mühle und damit über
den Alltag der Menschen, die hier arbeiteten.
Demnach wurde die "Obere Mühle im Ahringsbachtal" 1798
in Betrieb genommen. Über den Anlass für die Gründung einer
Mühlengenossenschaft ist nichts ausgesagt, aber es steht zu vermuten,
dass die Mühlengenossen, die hier in Moselnähe überwiegend
vom Weinbau lebten und nur geringe Feldfruchterträge hatten, die
Molterabgaben für die Müller sparen wollten.
In den ersten siebzig Jahren der Mühlengenossenschaft finden sich
im Mühlenbuch nur Abrechnungsunterlagen, die auf dem jährlich
stattfinden Mühlentag, der "Generalversammlung" der Genossen,
Einnahmen und Ausgaben säuberlich auflisteten. Es sind für heutige
Begriffe geringe Beträge, schließlich sollte die Genossenschaft
keinen Gewinn machen, sondern lediglich die Mühle unterhalten.
1868 war dann die erste größere Reparatur fällig: am 5.
Februar setzte der Mühlenarzt (so werden bis heute die Mühlenbauer
genannt) Peter Kappel aus Irmenach ein neues Wasserrad ein. Mit der Reparatur
gab es jedoch auch den ersten größeren Ärger. Die Mühlengenossen
weigerten sich, das von ihnen in Auftrag gegebene Rad zu bezahlen, da
sie nicht mit der Qualität des verwendeten Holzes einverstanden waren.
Nach einigem Hin und Her einigte man sich jedoch auf folgende Kompromissformel,
die im Mühlenbuch niedergelegt wurde:
"Heute, dem 25.März 1868, hat der Mühlenarzt Peter
Kappel aus Irmenach der oberen Mühlengesellschaft das neue Wasserrad
abgeliefert; da die Gesellschaft das Rad nicht annehmen wollte weil schlechtes
Holz verwendet wurde, verpflichtet sich Kappel, das, wenn das Rad in 15
Jahren Fehler sollte bekommen es unentgeltlich machen wollte. Sei es durch
Spund, Bruch, Faulriss.
Stgb., den 25. May 1868
Peter Kappel"
Ob es im Laufe der nächsten Jahre zu Beanstandungen
kam, ist nicht berichtet. Das Mühlrad hielt bis 1921, als der Mühlenarzt
Bonn erstmals ein Rad mit eisernen Schaufeln einbaute.
Ansonsten befinden sich für das ausgehende
19. Jahrhundert keine nennenswerten Einzelheiten im Mühlenbuch. Einige
kleinere Instandsetzungsarbeiten waren nötig und ansonsten ging der
Mahlbetrieb seinen normalen Gang. Das Mahlgut wurde meist mit Fahrkühen
den schmalen Waldweg hinunter ins Ahringsbachtal gefahren und nach dem
Mahlen ging es den gleichen Weg, mit einer letzten Rast am Kasten (unterhalb
vom Oberen Schafseifen), zurück nach Starkenburg. Noch heute spürt
man, wenn man den Weg zu Fuß und ohne Last zurücklegt, was
die Kühe dabei leisten mussten.
Die beiden Weltkriege stellen deutliche Einschnitte in den eingespielten
Rhythmus der Mühlennutzung durch die Mahlberechtigten dar. Hatte
bis 1914 jeder Mühlengenosse sein eigenes Mahlgut gemahlen, so waren
die Frauen, die während des Krieges die Landwirtschaft weiter betrieben,
nicht in der Lage, die Mühle zu betätigen. So richtete sich
dann ein älterer Mann aus Starkenburg, der nicht mehr in den Krieg
musste, in der Mühle häuslich ein. Das Essen wurde ihm regelmäßig
ins Tal gebracht und so mahlte er zeitweise als "hauptberuflicher
Müller" das Mahlgut der Mühlengenossen.
Der Zweite Weltkrieg führte erstmals zum Ausfall des seit 1850 jeweils
am 6./7. Januar stattfindenden Mühlentages. An diesem Tag wird bis
in die Gegenwart hinein im Rahmen eines Essens beim Mühlenmeister
der Kassenabschluss gemacht und ein neuer Mühlenmeister gewählt.
Von 1942 bis 1947 fand kein Mühlentag statt
- ein Hinweis darauf, dass in dieser Zeit die Mühlengesellschaft
ihre Tätigkeit eingestellt hatte.
Der Wiederbeginn 1948 war nicht einfach. Zunächst machte der Mühlenarzt
Kley die technische Anlage wieder gangbar. Als Anzahlung bekam er 82 Mark
und 20 Flaschen Wein, weigerte sich jedoch, das restliche Geld in Empfang
zu nehmen. Er wollte lieber bis nach der Währungsreform warten, was
natürlich nicht im Interesse der Mühlengesellschaft war.
Wie groß des Engagement der Mühlengenossen in den ersten Jahren
nach dem Zweiten Weltkrieg war zeigt die Beteiligung bei der Erneuerung
der inzwischen marode gewordenen Traufwand der Mühle, an der das
Wasserrad läuft. 17 von 19 Teilhabern beteiligten sich jeweils fünf
Tage lang an den Renovierungsarbeiten.
Mit
der aufwärtsgehenden wirtschaftlichen Entwicklung scheint das Interesse
gegen Ende der 50er Jahre jedoch deutlich zurückgegangen zu sein.
Als 1958 wegen Trockenheit nicht gemahlen werden konnte, wurde auf dem
Mühlentag am 6. Januar 1959 diskutiert, die Mühle zu verkaufen.
Davon nahm die Mühlengesellschaft jedoch Abstand und beschloss ihren
Fortbestand, damit der Mühlentag weiter gefeiert werden kann und
auch kommenden Generationen weiter erhalten bleibt.
Da auch in den Jahren 1959 bis 1961 nicht genügend
Wasser zum Mahlen vorhanden war, ging die Durststrecke weiter. 
1962 wurde der Mühlengraben durch den Wegebau
der Stadt Traben-Trarbach im Ahringsbachtal zerstört. Als die Schäden
nach einigem Hin und Her im folgenden Jahr gerade behoben waren, rutschte
1965 der wiederhergestellte Graben erneut nach. Der Grund für die
Zerstörung war diesmal der Druck der 50 m hohen Abraumhalde der Schiefergrube
Gondenau, die sich von der Hangseite immer näher an den Graben herangeschoben
hatte.
Daneben fehlte es nicht an Versuchen Außenstehender, sich in die
Mühlengenossenschaft einzukaufen, um so auf dem Mühlentag auf
eine Versteigerung hinzuwirken. Die ursprünglich in der Bachaue gelegene
Mühlenparzelle war nämlich bei der Bewirtschaftung der Nadelholzkulturen,
die hier angelegt wurden, nun hinderlich. Aber kein Mühlengenosse
verkaufte seinen Anteil.
Im
Gegenteil: 1967 wurde ein Großteil der Holzzähne des Kammrades
ersetzt, und ein Teil des Daches wurde repariert. Im folgenden Jahr wurde
eine Putzmühle eingebaut, und die vorderen zwölf Meter des Mühlenbaches
wurden verrohrt, und 1970 wurde am Ausgangspunkt des Mühlenbaches
ein Wasserwehr eingebaut, um die Wasserzufuhr besser regulieren zu können.
Nach weiterer Verrohrung des Mühlbaches im Jahre 1971 wurde 1977
schließlich ein neues Mühlrad eingebaut.
Damit begann endgültig ein neues Zeitalter
für die Mühle im Ahringsbachtal.
Nachdem sich fast 125 Jahre lang ein hölzernes
Rad gedreht hatte und 55 Jahre lang ein Rad mit Eisenschaufeln, ist das
neue Mühlrad verzinkt und damit bestens für die nächsten
hundert Jahre gerüstet.
Die Veränderung der Mühlrades ist jedoch
nicht nur unter dem technischen Aspekt des Korrosionsschutzes zu sehen.
Sie steht im Grunde genommen für eine Veränderung der Aufgabe
der Mühle.
War sie ursprünglich aus wirtschaftlicher Notwendigkeit gebaut und
genutzt worden, so hat die Zeit sie im Grunde genommen überlebt.
Wenn ihre Besitzer sie dennoch weiter unterhalten,
so tun sie dies nicht um des täglichen Brotes willen, sondern in
erster Linie, weil sie sich in einer langen Tradition sehen, die sie fortführen
wollen.
1970 schrieb Rolf Robischon, der Gründer des Freilichtmuseums Roscheider
Hof in Konz, über die Hunsrücker Genossenschaftsmühlen
"....dass in ganz kurzer Zeit von diesen technischen und sozialen
Kulturdenkmälern sozusagen nichts mehr erhalten sein wird...
"Heute, über ein Vierteljahrhundert später, sind wir beinahe
an diesem Punkt angelangt. Vor diesem Hintergrund kommt der Mühlengenossenschaft
der Oberen Mühle im Ahringsbachtal eine Bedeutung zu, die über
die Pflege einer örtlichen Tradition hinausgeht. Sie betreibt in
bezug auf das Mühlengebäude und in bezug auf sich selbst aktive
Denkmalpflege, die es ermöglicht, zumindest ein kleines Fenster in
den früheren Lebensalltag der Menschen auf dem Lande offenzuhalten.
Quelle: Jahrbuch Kreis Bernkastel-Wittlich 1993
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